Huhn und Nachtigall - Sonnettische Eierschnur auf und für Gallina
von Jürgen Helbach
Für Ferdinand
Freiligrath war der Aufenthalt in St. Goar nicht nur entscheidend
für seinen Wandel vom spätromantischen Dichter zum
"Trompeter der Revolution", sondern er verbrachte hier
wohl auch die glücklichste Zeit seines Lebens. Seine Frau Ida
erinnert sich: "Es war im schönen Monat Mai, im Jahre
1842, als Freiligrath wiederum den Wanderstab in die Hand nahm,
um für sich und seine junge Frau einen geeigneten
Sommeraufenthalt am geliebten Rheinstrom zu finden. Geschäfte
fesselten ihn keine mehr in Darmstadt, denn die Herausgabe einer
Zeitschrift für englisches Leben und Literatur, die er daselbst
zu begründen gedachte, war an der Aengstlichkeit der Verleger
gescheitert (..), und er meinte, in Erwartung besserer Dinge,
einstweilen seine soeben ihm verliehene königliche Pension mit
mehr Genuß am Rhein als in Darmstadt verzehren zu können; denn
obgleich das junge Paar sich in der kleinen hessischen Residenz
in einem gar angenehmen und lieben Freundeskreis bewegt hatte und
besonders in der Familie des Justizrats K.B. vertraut und
heimisch geworden war, übte doch der Strom einen
unwiderstehlichen Reiz aus, und es wurde beschlossen, doch
jedenfalls die Sommermonate an seinem Ufer zu verleben. In
Gesellschaft des liebenswerten und trefflichen Karl B. wurde die
Entdeckungsreise angetreten, die schon in St. Goar, dem kleinen
Felsenstädtchen unterhalb der Lorelei zu dem gewünschten Ziele
führte. In einem erkerartig vorspringenden Hause, dicht am
Strome, waren ein paar möblierte Zimmer zu vermieten, die allen
bescheidenen Anforderungen entsprachen und eine herrliche
Aussicht boten auf den Strom, das gegenüberliegende St.
Goarshausen und auf die Ruinen Katz und Maus und auf den
umfangreichen malerischen Rheinfels. Der Besitzer des Hauses
hieß Ihl, und F. hatte nichts Eiligeres zu thun, als seine
Wohnung I
l i u m zu taufen, welche
Benennung sonst freilich nicht gerade in allen Punkten stimmte,
besonders nicht mit der Apotheke in den unteren Gelassen."
Wir erfahren aus diesen Erinnerungen, daß der Sommer von 1842 einen hervorragenden Platz in den guten Weinjahren einnahm; "die Sonne leuchtete und glühte vom Aufgang bis zum Niedergang, und Tag für Tag spannte die blaue Himmelsglocke sich über die herrliche Gegend, und reifte die Trauben fast zu Rosinen."
Bedingt durch dieses prächtige Wetter im Sommer 1842, das sich bis in den Herbst fortsetzte, bedingt durch die ihm gerade zugestandene königliche Pension konnte Freiligrath recht sorglos in die Zukunft blicken und verschwendete keinen Gedanken an ernsthafte Arbeit. Ida Freiligrath erinnert sich: "Es war recht ein Sommer um ihn im Freien zu genießen, und so wurde denn auch der Tag mit einem kühlen Bade in der kühlen Flut begonnen und die reizenden Seitenthäler, die Gipfel der Berge fleißig durchschweift und erklettert, Veilchen und Heidekraut gepflückt und den Nachtigallen gelauscht. Zu mannigfaltig, zu bewegt war das Leben am Rhein, als daß es dem stillen Schaffen viel Vorschub hätte leisten können. Doch ging nichts verloren in der empfänglichen Dichterseele, und gar bald sollten die Eindrücke, die sich hier sammelten, aufs herrlichsten um Ausdruck kommen."
Dieser Poetensommer ist immer wieder beschrieben worden. Unter all den berühmten Persönlichkeiten, die die Freiligraths in St. Goar aufsuchten, nahm die Schriftstellerin Luise von Gall eine besondere Rolle ein. Sie war ebenfalls zum Sommerurlaub von Darmstadt nach St. Goar gekommen und fand im Ilium noch ein Zimmer.
Zusammen mit Landrat Hans Karl Heuberger, der als Witwer mit drei temperamentvollen und literarisch besonders interessierten Töchtern engen Kontakt mit Ida und Ferdinand Freiligrath pflegte, gehörte Luise von Gall zu dem engeren Kreis, der in diesem Sommer 1842 St. Goar zu einem kulturellen Zentrum am Rhein werden ließ. Fräulein von Gall, eine recht kräftig gebaute Dame von "Kriemhildengestalt", erfreute die Gesellschaft immer wieder durch ihre gesangliche Begabung und ihre "mächtige und gut geschulte Stimme", so daß man sich immer wieder in ihrem Refugium im Ilium, befand sich in ihrem Zimmer doch ein Flügel, zu literarischen und gesanglichen Vorträgen traf. Zu diesem Kreis gesellte sich noch der amerikanische Dichter Henry Wadsworth Longfellow, der zu diesem Zeitpunkt sich zu einer Wasserkur für einen längeren Zeitraum in Boppard aufhielt. Daß er von den Heuberger-Töchtern umschwärmt wurde, zeigt ein Sonett Freiligraths aus dieser Zeit. Die beiden Dichter schätzten sich gegenseitig seit ihrer ersten Begegnung. Longfellow hatte Freiligrath zum Andenken einen Spazierstock geschenkt, den dieser aber bei einem Besuch bei Heuberger vergessen hatte. Mit dem folgenden Gedicht fordert Freiligrath in seiner humoristischen Art diesen Stock zurück.
Bescheidene Bitte
Zwei lange Nächte lang war er nun der Eure!
Der Glückliche! Bei Gott, ich möchte wissen,
Wie oft ihr ihn bedeckt mit euren Küssen,
Und wie er sich dabei geniert, der Teure!
Nicht wahr, sein Kuß litt eben nicht an
Säure?
Der süße Schelm! Er hat euch nicht gebissen?
Er war doch stets verliebt und kußbeflissen?
Dazu rasiert, daß euch der Kuß nicht scheure?
Ja, das ist wahr, er hat besondre Gaben;
Doch - alle Freude muß ihr Ende haben,
Und somit auch dies hölzerne Pläsier!
Drückt ihn noch einmal fest an Mund und
Wangen,
Dann aber sendet meinen lieben langen
Amerikaner flugs nach Hause mir!
Überhaupt tauschten Heuberger und Freiligrath
immer wieder kleine humoristische Neckereien miteinander aus.
Für Luise von Gall, in Gallina umgetauft, trieben die beiden
ihren Spott aber zu weit, als Heuberger unter dem Namen Rheinfels
und Freiligrath als Philalethes als Silvesterscherz zum neuen
Jahr als "zwei ihrer Verehrer" 1843 unter dem Titel
"Hahn und Nachtigall - sonnettische Eierschnur auf und für
Gallina" eine Sammlung von humoristischen Sonetten in
"Lureleychen Typen" drucken ließen. "Der
Scherz war harmlos genug, und die kleinen komischen Vorkommnisse
des täglichen Lebens waren allerliebst und mit F´s gewohnter
Plastik geschildert. Er hatte auch selbst eine innige Freude
daran, und er konnte sich noch in späten Jahren daran ergötzen.
Allein Fräulein v. Gall war nicht ganz damit einverstanden;
besonders nicht mit dem Druck des Heftchens, und darin hatte sie
auch ganz recht. Denn wenn sie auch überzeugt sein konnte, daß
jene Neckereien harmloser Natur waren, so konnte man doch nicht
wissen, wie sie von anderen aufgefaßt wurden, die manche
Anspielung nicht verstanden. Und wie leicht fliegt ein solch
gedrucktes Blatt in die Welt, wenn es auch wirklich nur in
kleiner Anzahl und für Freunde durch die Presse vervielfältigt
ist, besonders wenn der Autor einen berühmten Namen trägt. So
nahm sie F. das Versprechen ab, die Hefte sämtlich den Flammen
zu überantworten, was geschah, und sie niemals jemals
mitzuteilen, was er zeit seiner Lebens treulich gehalten hat."
Daher kommt es, daß die reizvollen Sonette kaum überliefert
sind. Käthe Freiligrath-Kroeker gibt in ihrem Beitrag "Ein
Rhein-Idyll" zwei Gedichte wieder und verweist auf eins, das
bei Wilhelm Buchner "Ferdinand Freiligrath - Ein
Dichterleben in Briefen" mitgeteilt wird. Kurt Roessler ist
es zu verdanken, daß jetzt alle zwölf Sonette von Freiligrath
und Heuberger wieder zugänglich sind.
Zum besseren Verständnis werden die zwölf Sonette aus
"Hahn und Nachtigall" hier mit kurzen Kommentaren
wiedergegeben.
Die Gallina Gedichte
Es ist erstaunlich, daß Freiligrath und
Heuberger für diese humoristische Sammlung von
Gelegenheitsgedichten die strenge Sonettform wählten. Spezifisch
für diese Form ist, daß nach einem langen "Aufgesang"
von zwei Strophen zu je vier Zeilen zwei Strophen von jeweils
drei Versen den "Abgesang" bilden. Der Kern der
intendierten Aussage spitzt sich dann in der letzten Zeile der
vierten Strophe zu.
Freiligrath hat offensichtlich zu diesem Zeitpunkt mehrmals mit
dieser strengen Form experimentiert und in dem bekannten Gedicht
"Die
Linde bei Hirzenach" ein
politisch und poetisches Meisterwerk geschaffen. Gerade in diesem
Gedicht nutzt er die Aussagekraft dieser Gedichtsform aus, endet
doch die letzte Zeile mit dem überzeugenden revolutionären
Appell "...Vorwärts geht die Geschichte."
Gerhard Storz weist aber auch auf das Spielerische innerhalb der
Sonettform hin. Das Sonett erscheint "als die spezifische
Form für geistreich spielende aber schließlich scharf zielende
Gedankendichtung." Diesen Widerspruch zwischen Gehalt und
Form hatte bereits Goethe in einem Sonettzyklus genutzt und seine
Liebesbekenntnisse bisweilen spielerisch glossiert.
In diesem Sinne wenden denn auch in den Sonetten an Gallina
Freiligrath und Heuberger als "zwei ihrer Verehrer" die
Möglichkeiten, die diese Form bietet, an.
Die Sammlung beginnt mit einem Gedicht Heubergers.
1.
Die Heimath
Aus ihren tiefdunklen Augen strahlet Glut
und Lebensfülle
Nothnagel
Kennt Ihr an Afrika´s gluthauchenden Gestaden
Gallina´s Nest, *) die Heimat prächt´ger Frauen?
Gallina´s, auf des Rheines Nebenauen
noch jüngst der Neid der reizendsten Najaden?
O Brand der Augen, dunkelnd die Plejaden,**)
Glutrosen in der Waldesnacht der Brauen!
So lebensvoll! Gefährlicher zu schauen
Als einer Ceres lebenvollste Waden.
Sollst, neidisch Frauenvolk, sie nicht verdammen,
Weil arglos sie den Heimathtrieben folgt,
Nicht leichte Wunden ritzt, gleich schwachen Schrammen,
Nein, mit dem Flammenblitz die Herzen dolcht!
Wie Löwen, mähnenschüttelnd, in den hellen
Mondnächten grausam morden die Gazellen.
Rheinfels
_________
*) Gallinas, Name einer Ansiedlung an der afrikanischen Küste
**) Das Siebengestirn wird auch die Gluckhenne genannt
Offensichtlich, und dies bestätigen auch die folgenden Sonette, war Luise von Gall eine von den Männern vielumschwärmte Dame von naturhaftem und impulsivem Charakter. Das sich anschließende Sonett von Freiligrath greift das Bild der Glucke in einer verkehrten Welt wieder auf.
2.
Verkehrte Welt
Ein prächt´ger Kerl, der ritterlich Hahn!
Auf seinem Hof, umringt von seinen Hennen,
Die seinen Tritt, gleichwie sein Treten, kennen,
wie kräht er muthig: "Wer was will, komm´ an!"
Ein respektabler, kratziger Kumpan!
Wie seine Weiber hastig ihn umrennen!
Wie sie von Eifer, ihm zu dienen brennen!
Er aber thut, als läg´ ihm gar Nichts dran.
Wer ist gewillt, das Widerspiel zu schauen?
Dort auf dem Hofe fünfundzwanzig Frauen,
In ihrer Mitte Ein Gebieter nur!
Und hier Gallina! Freudiglich und wacker
Auf ihrem Nestlein sitzt sie mit Gegacker,
und zwanzig Hähne machen ihr die Cour
Philathes
Sind die beiden ersten Gedichte noch recht allgemein gehalten,
so beziehen sich die folgenden auf konkrete Ereignisse.
Im nächsten wird auf einen geselligen Abend am 12. August 1842
im Ilium eingegangen, zu dem Freiligrath Karl Heuberger einlädt:
Dürfen wir (d.h. Die Familie Hector und Fräulein von Helena)
uns auf heute abend von Ihnen, Ihren Fräulein Töchtern und
deren Besuch die Ehre zu einem "simplen" Thee
ausbitten? Eine vorgestern arrivierte Großherzogl. Weimar´sche
Baßgeige hat bereits zugesagt und wird das ihrige zur
conversation beitragen. Versammlungsplatz - des Flügels wegen -
im Prunkgemach der Heil. Helena"
Wiederum ist in diesem Brief Freiligraths beliebte Anspielung auf Troja (Ilium) auffallend, bezeichnet er sich selbst doch als Hector und Fräulein von Gall als Helena.
3.
Die verzweiflungsvolle Baßgeige
Ein Künstler sang auf seinem Instrumente,
Gallina! dir von Liebes-Weh und Lust.
Es war so eng, so voll ihm in der Brust,
Wie, von dem Füllsel, der gebrat`nen Ente.
Er both sich selbst ihr an als Lebensrente,
War halb schon seines Sieges sich bewußt;
Doch ehe noch sein Liebessturm verpußt,
Verfiel er eines Dämpfers Regimente.
Verzweiflung packt den Aermsten bei dem Kragen;
Er will hinab in Goar´s Flutgewirre,
Ihn schnell zurück nach Ihlium zu tragen.
Ob Freundschaft warnt, daß Lurley ihn nicht irre,-
Er stürzt - in die Kajütt - und legt - welch´ Wagen! -
Ein Butterbrot als Pflaster auf den Magen.
Rheinfels
Für diesen herzöglich-weimarischen Musiker war also der Aufenthalt in St. Goar zu kurz. Der Dampfer, damals wohl das wichtigste Verkehrsmittel, konnte nicht warten. Ob das hier verratene Mittel gegen Liebesschmerz wirklich wirkt, darf wohl bezweifelt werden.
Aber nicht nur von auswärts kamen die zahlreichen Verehrer Gallinas. Für den St. Goarer Kapitän der Kölner Dampfschiffahrtsgesellschaft wäre Gallina fast zur modernen Loreley geworden.
4.
Der verliebte Steuermann
Der Palinur der Kölner Feuerschiffe -
Sebastian Kimpel nennt ihn Sankt Goar,
und rühmlich steuernd fährt er Jahr auf Jahr
Durch Oberwesels und der Lurelei Riffe! -
Er kennt den Rhein und seine Kniff und Pfiffe!
Doch jüngst, o Wunder, schwebt er in Gefahr;
Fast trieb sein Boot auf spitzer Felsen Schaar,
So traumhaft lenkt´ er's mit zerstreuten Griffe.
Die Passagiere schalten: "Mit Verlaub!
Sebastian, ist das der Weg nach Caub?
Eh´r, als zur Pfalz, führt dieser Cours nach China!"
"Ja, Donnerwetter!" rief der Palinur,
" Die sieben Jungfern! - einer dacht´ ich nur!
Das kommt davon! Ich dacht an die Gallina!"
Philalethes
Aber noch ein anderer blieb unerhört. Es handelt sich hier um den sächsischen Maler Johann Heinrich Schramm, der Freiligrath im Oktober 1842 besuchte. Von ihm stammt auch das hier wiedergegebene Portrait Freiligraths.
5.
Künstlerlohn
Als Lurley jüngst erwacht zu neuem Leben
Und Alles rings umher in Zauber wiegt,-
So mancher kam und sah und - ward besiegt,
Haucht seine Seele aus vor ihr mit Beben.
Ein Maler auch in´ s schöne Reich der Reben,
Aus Sachsenland auf Hoffnungschwingen fliegt,
Doch bald auch er zu ihren Füßen liegt;
Nur Sie war seiner Kunst noch würd´ges Streben.
Ihr Bild, in´ s wunde Herz ganz eingesogen,
gab wundertreu er wieder in den Rahmen.
O, Guter wie dein Herz dich doch belogen!
Sie nahm so Bild, als Herz, und dankt gewogen;
Dann dreht sie lachend um des Künstlers Namen
Und sprach: flieg hin, woher Du kamst geflogen!
Rheinfels
Ein einziger Mann scheint aber dem "Charme" der Gallina widerstanden zu haben. In dem folgenden Sonett wird Bezug genommen auf den amerikanischen Lyriker Longfellow, der häufig in St. Goar zu Gast war oder auch an gemeinsamen Ausflügen teilgenommen hat. Freiligrath gibt hier vor, die Sprödigkeit des jungen, attraktiven Amerikaners zu beklagen.
6.
Du, mehr als Stein! Kaltherziger Barbar!
Ilumaniorum nennst du
dich Professor?
O Lug und Trug! Wir wissen´s jetzo besser -
Ein Wilder bist du, des Gefühles bar!
Geh´! eine Rothaut pack´ am schwarzen Haar!
Skalpire sie mit wohlgeschliffnem Messer!
Nimm dann ein Sitzbad, grauser Menschenfresser,
In deiner Heimath grausem Niagar!
Blut-, Sitz- und Voll-Bad - das nur kann dir dienen!
Beweis: du sah´st, und liebtest nicht Gallinen!
Welch ein Verbrechen, Transatlantikus!
Wer das begeh´n kann - wo er immer wohne -
Er ist entmenscht, ist wild und ein Hurone.
Und nimmer rührt mich sein "Excelsius."
Freiligrath hatte das Gedicht "Bruder
Jonathan" zusammen mit der hier abgebildeten Karikatur
Longfellows im Sitzbad am 26. Dezember 1842 einem Brief an Levin Schücking beigelegt. In dem Brief
äußert sich Freiligrath nicht ganz ernsthaft über seinen
amerikanischen Dichterfreund: "Zuletzt besungener
Backwoodsman war übrigens sogar ein Dichter - derselbe
Longfellow, von dem ich Dir vorigen Sommer geschrieben, und den
ich durch fürtreffliche Übersetzungen einiger seiner schlechten
Gedichte (namentlich seines "Excelsior") in Deutschland
bekannt gemacht habe. Es wäre gewiß nie geschehen, wenn ich die
barbarische Natur des Mebschen, wie sie sich in seiner
Hartnäckigkeit gegen die liebenswürdige Gallina zumeist und am
schroffsten offenbarte, früher gekannt hätte."
Daß Freiligrath in diesem Brief nicht ganz bei der Wahrheit bleibt, macht die Darstellung in den Erinnerungen seiner Frau Ida deutlich: "Eines Tages brachte er einen Herrn zu F., der die Wasserkur in Boppard gebrauchte, und dessen Aeußeres (er war fast ganz in Weiß gekleidet und sah kühl, frisch und vornehm aus) gleich den Fremden bekundete; er stellte sich als den Amerikaner Longf. vor, wünschte den deutschen Dichter kennen zu lernen, und führte sich damit ein, daß sein Name in seiner transatlantischen Heimat sehr bekannt und sehr beliebt sei. Longfellow, der, wenn auch noch nicht so berühmt wie später, doch schon eine immer sehr hervorragende Stellung in der amerikanischen Literatur einnahm, dachte sicherlich nicht, daß sein Ruf schon bis St. Goar gedrungen wäre, und war daher nicht wenig erfreut, als F. eine amerikanische Anthologie vom Büchergestell nahm und ihn fragte, ob er der Verfasser der darin unter diesem Namen verzeichneten Gedichte sei. Beide Dichter waren vertraut mit den Literaturen vieler Völker, beide waren vom gleichen Interesse dafür beseelt."
Longfellow schenkt Freiligrath einige seiner Schriften, und nicht nur er, sondern auch Ida und Fräulein von Gall fühlen sich sogleich angeregt, einige davon ins Deutsche zu übertragen. Damals entstand dann auch Freiligraths Übersetzung von Longfellows Gedicht "Exselsior".
Interessant ist auch, daß diese Äußerung Freiligraths gegenüber Levin Schücking, mit dem Luise von Gall - durch Freiligrath initiiert - einen eifrigen Briefwechsel pflegte, erfolgte, wird dieser doch in dem folgenden Gedicht direkt angesprochen.
7.
Der neue Jakob
An blauen Seen durch klösterliche Hallen
Im fernen Oestreich wandelt ein Poet;
Auf seiner Stirn mit ernsten Lettern steht
Ein ernstes Wort: "Ich bin der Lieb´ verfallen!"
Auch ist es klar, er leidet an der Gallen!
Tief liegt sein Aug´, und funkelt nimmer stet;
Der Lippe Bartschmuck hat er grimm zerdreht,
Mit Zittern liest er, was wir ahnend wissen.
Da kommt ein Brief. Rasch wird er aufgerissen,
Die kalten Blätter glüh´n von seinen Küssen,
Mit Zittern liest er, was wir ahnend wissen.
Dann ruft er aus: "Sie ist die 2te Staël!
Sei sie nun sonsten Lea oder Rahel -
In sieben Jahren ist sie mein Gemahel!"
Philalethes
Levin Schücking brauchte keine sieben Jahre auf seine Gallina
zu warten, heirateten beide doch bereits im Oktober 1843.
Longfellow dagegen beendete im September 1842 seine Kur in
Boppard. Im Juli 1843 heiratete er Elisabeth Appelton, die er
bereits 1836 in der Schweiz kennengelernt hatte. Es ist wohl kaum
anzunehmen, daß Freiligrath und Heuberger von dieser Liaison
ihres Freundes nichts wußten, die Anspielungen im Gedicht
"Bruder Jonathan" lassen sich also ganz in die
Neckereien der Sonettsammlung einordnen. In einem Brief
Heubergers an Longfellow vom 7. Juni 1843 wird dieser ironische
Zwischenton wieder deutlich: "In den nächsten Tagen
erwarten wir noch Schücking, der seine Stellung in Österreich
aufgegeben hat, um fürs erste wenigstens auch in St. Goar zu
bleiben, später aber mutmaßlich bei der Augsburger Allgemeinen
Zeitung Beschäftigung zu erhalten und - die schöne Gallina zu
heiraten. Ja, staunen Sie nur, die schöne Gallina! Klopft Ihnen,
mein Freund, nicht reuevoll das Herz? - Denn an Ihnen lag es ja
nur, die schöne süße Nachtigall einzufangen und durch ihren
Gesang Ihre transatlantischen Landsleute zu bezaubern."
Das folgende Gedicht hebt dagegen eine weitere Fähigkeit der bewunderten Gallina hervor. Luise von Gall war offensichtlich auch sehr schlagfertig, selbst Freiligrath mußte dies mehrmals erfahren. Von einem Ausflug ins Siebengebirge wird berichtet: "...und nun ging es den Drachenfels und Löwenburg hinan, die Frauen auf Eseln, und da trug es nicht wenig zur Erheiterung bei, daß gerade der Grauohr, der die schwerste auf seinem Rücken trug - es war Fräulein von Gall, eine Kriemhildengestalt -, nicht aufhörte, unter seiner süßen Last ein markerschütterndes, gellendes Gewieher ertönen zu lassen. Oben im herrlichen Walde wurde Rast gemacht, sprudelnde Heiterkeit, Witze und Neckereien flogen hin und her, .. Als endlich aufgebrochen werden mußte, und Fräulein von Gall sich gar nicht vom weichen Moosteppich trennen konnte, sagte F. zu ihr: "Sie scheinen von der Faulheit Ihres Esels angesteckt worden zu sein!" "Und Sie von seiner Grobheit," war die rasche Antwort, deren Schlagfertigkeit F. selbst am meisten belachte."
Ihrer Schlagfertigkeit war auch ein Bekannter aus dem Darmstädter Freundeskreis nicht gewachsen.
8.
Henne und Hähnin
Du hättest dir zum Vorbild auserlesen
Die Hähnin, die sich spreizt als Doppelhahn?
Nothnagel sagt´s. Wie -? trat er in den Thran,
Daß er so sehr verkannte Beider Wesen -?
Nein! Du bist ächte Henne stets gewesen,
Doch Sie, mit Kamm und Sporn, ein Mann im Wahn,
Wühlt keck mit ihres Schnabels spitzem Zahn
In Haferspreu von Weltschmerz und von Thesen.
Bleib du, mein Hühnchen, treu auf deinem Neste,
Und lege viel der blanken, schmucken Eier!
Poularden=Hahnenschrei klingt nicht auf´s Beste;
Ich setz´ auf ihn im Wettkampf keinen Dreier
Die Hühner, die ins Freie sich vermessen,
Gieb Acht! Sie werden leicht vom Fuchs gefressen.
Rheinfels
Gleichermaßen führte auch das Baden während des heißen Sommers von 1842 zu amüsanten Begebenheit. Dies zeigt sich sehr schön in dem folgenden Gedicht:
9.
Nach dem Bade
Des Rheines Wellen eben erst entstiegen,
Am offnen Fenster stand die Nachtigall;
An Venus mahnend, die aus Fluthkrystall,
Gleich ihr, sich hob zu ewgen Liebessiegen.
Ihr feuchtes Haar ließ sie im Winde fliegen;
Lang floß es nieder, wie ein Wasserfall -
Da sah sie plötzlich zu Trompetenschall
Um´s Eckhaus dort ein Fähnlein Reiter biegen.
Von ihren Rossen wirbelnd stieg der Dampf;
So scharfen Trabens ging´s nach Grimlinghausen,
als lockte sie ein ernstlichheißer Kampf.
Da rief ein Pferd - nein, nicht doch, ein Husar!
Hinauf zum Fenster im Vorüberbrausen
Rief er: "Wie scheen! mit ufgeleestem Haar!
Rheinfels
10.
Moderne Metamorphose
Es meldet uns die heilige Geschichte
Wie Abraham den Sohn nahm bei den Ohren,
Den er dem Herrn zum Opfer wähnt erkoren;
Doch brach´ der Herr es gnädig in die Richte.
Wo aber melden Klio, wo Gedichte,
Daß eine Mutter grausam sich verschworen,
Den Herzenssohn, den schmerzvoll sie geboren,
Mit eigner Hand zu schleppen vor Gerichte?
Der Neuzeit war die Blutthat aufbehalten;
Das Messer zuckt, - o grausenhaftes Walten!
Kannst, Mutter, Du im eignen Blute schalten?
Doch, Götter! - welch ein Wunder ist geschehen!
Den Sohn - im Unterrock alsbald wir sehen
Als Primadonna nun auf Reisen gehen.
Rheinfels
Das nächste Gedicht spielt auf die häufigen Wanderungen in der näheren und weiteren Umgebung von St. Goar an.
11.
Der weibliche Saturn
Die Sonne stach mit sommerlichem Feuer,
Da saßen wir, vom Bergesklettern matt,
Hoch auf des Felsens moosßger Trümmerstatt,
Ein Mahl zu halten unter dem Gemäuer.
Zu anderm Guten hatten wir auch Eier.
Gallina rief: "Wohl dem, der Eier hat!
Ein Ei´chen noch! Ich bin der Nimmersatt!
Geh´n macht App´tit!" - und schluckte wie ein Reiher.
Da trat, im Antlitz unverstellten Gram,
Gefertigter, der gern die Wahrheit stottert -
Vor das Gedeck gallinae trat er hin
Und als er sah mit Zürnen und mit Scham
Die Schalen alle, die sie schon entdottert,
Da sprach er dräuend: "Kindesmörderin!"
Philalethes
Den Abschluß der Sammlung von neckischen Sonetten ist dann auch zugleich der Abschied von Luise von Gall. Freiligrath war mit seiner Frau Ida in seine neue Wohnung umgezogen und hatte sein Mobiliar aus Darmstadt kommen lassen, um sich in St. Goar einzurichten. Für Luise von Gall war der Sommeraufenthalt in St. Goar beendet. Im Ilium blieb nur noch als Erinnerung an sie:
12.
Der Nachtigallen Flügel
Wo Laura´s Fels emporstarrt aus den Wogen
Und neckisch wiedergibt des Rufes Schall,
Entzückt´ im Lenz uns eine Nachtigall,
Wenn Luna lauscht´ am blauen Himmelsbogen.
Wie tief in´s Herz die Schmeicheltöne zogen!
Bald flüsternd wie der trauten Quelle Fall,
Bald jubelnd, schmetternd, gleich der Lerche Hall,
Bald klagend wie um Hoffnung, die betrogen.
Der sommer hat dich, Süße, mitgenommen;
Ach, Andern tönt nun dein Zaubersingen!
Und blieb allein der Nachtigallen=Flügel.
Doch er ist still und stumm, und kein Geflügel
Des Philisteriums vermag ihn, zu erklingen;
Die Seele fehlt, - ja, du mußt wiederkommen!
Rheinfels